Was ist Neue Arbeit? - Ausführlich

Das bäuerliche Zeitalter hatte sein eigenes, zu ihm passendes System der Arbeit, das Arbeitssystem der Gutshöfe, Bauern und Landarbeiter. Während der industriellen Epoche – d.h. ungefähr während der letzten 200 Jahre – wurde die Arbeit auf verschiedene Arbeitsplätze, auf Jobs aufgeteilt. In dieser Epoche war das Job-System die vorherrschende Organisationsform der Arbeit.
Nun, da wir in das post-industrielle Zeitalter eintreten, muss die Arbeit wieder auf eine völlig neuartige Weise organisiert werden, die sich vom Job-System genauso stark unterscheidet, wie sich dieses von der vorangegangenen bäuerlichen Arbeit unterschied. Diese neue, nächste Organisationsform der Arbeit ist die “Neue Arbeit”. Sie passt zur post-industriellen Wirtschaft, und sie wird uns den Aufstieg in die post-industrielle Kultur ermöglichen.
“ Post-industriell” ist ganz wörtlich gemeint:
Das Zeitalter der großen Industrien mit ihren zentralisierten
Fabrik-Kolossen versinkt in der Vergangenheit. Die bahnhofsähnlichen
Hallen, in denen Tausende von Arbeitern unsere Verbrauchsgüter
herstellten, sind überholt und nicht mehr konkurrenzfähig.
Ob Kühlschrank oder Waschmaschine, ob Kleidung, Schuhe oder
Möbel, ob Fernseher, Handys oder sogar Autos – bald
wird alles in kleinen, agilen und flexiblen, dezentralisierten,
hochtechnisierten, weitaus sparsameren und effizienteren Werkstätten
hergestellt werden.
Eine Konsequenz daraus – unter vielen anderen – ist verblüffend und verändert die Situation grundlegend: Sie lautet, dass es für eine Wohngegend oder ein Dorf bald möglich sein wird, für den eigenen Bedarf bis zu 80 Prozent aller benötigten Verbrauchsgüter zu produzieren – und nicht nur für den Grundbedarf. Ganz im Gegenteil. Nein, alles, was für ein elegantes, fröhliches und befriedigendes modernes Leben nötig ist.
Während des bäuerlichen Zeitalters bestand ein Großteil
der Arbeit darin, für den Eigenbedarf Brot, Butter, Eier,
Kartoffeln, Wurst, Honig und Feuerholz zu machen. In einer überraschenden
Kehrtwende wird im nun heraufziehenden post-industriellen Zeitalter
die Herstellung von Dingen für den Eigenbedarf wieder einen
Großteil der Arbeit ausmachen, mit dem gravierenden Unterschied,
dass diese ”gemeinschaftsversorgende Arbeit” nicht
nur die eigenen Grundbedürfnisse befriedigen, sondern die
Herstellung von allem umfassen wird, was für ein gesundes,
vitales und komfortables Leben nötig ist. Natürlich
werden die Menschen all diese Dinge nicht in ihrem privaten Keller
produzieren, sondern in Gemeinschaftswerkstätten, die allmählich
an die Stelle der Boutiquen in den Einkaufszentren treten werden
und die wirtschaftlich ziemlich ähnlich funktionieren und
operieren werden wie jetzt schon die bekannten Kopierläden.
Die Produktionskapazität dieser Gemeinschaftswerkstätten
wird so beeindruckend und fortgeschritten sein (zum Teil dank
ihrer Ausstattung mit “Fabrikatoren”), dass diese
hochtechnisierte “gemeinschaftsversorgende Arbeit”
nur zwischen 6 und 14 Stunden pro Woche beanspruchen wird. Die
restlichen zwei Drittel der Arbeit werden in einer völlig
anderen, in einer nicht auf die Gemeinschaft, sondern auf einen
selbst ausgerichteten Weise strukturiert sein.
Während des industriellen Zeitalters wurde der überwiegende
Teil der Arbeit mit Muskelkraft verrichtet; sie war stumpfsinnige,
zermürbende, erschöpfende Knochenarbeit. Im post-industriellen
Zeitalter wird diese Arbeit fast völlig von Maschinen erledigt
werden. Zwei Drittel aller Arbeit kann dann Arbeit sein, die einen
stärker macht, die auf einen selbst abgestimmt ist, einen
weiterbringt, die der Selbstverwirklichung dient. Das stellt einen
enormen Fortschritt dar, denn in der Vergangenheit konnten nur
kleine privilegierte Eliten – Künstler, Intellektuelle
und Erfinder – das herzhafte Lebenselixier solcher Arbeit
genießen. Das lässt sich nun ändern.
In der post-industriellen Epoche werden vielleicht alle Menschen,
in allen Ländern und in allen Lebensbereichen, die Möglichkeit
zu solcher Arbeit haben, Arbeit, die sie ernsthaft und aus tiefstem
Herzen wollen. Es ist eine grundlegende, unumstößliche
Tatsache, dass Menschen miserabel arbeiten, wenn sie unter Zwang
stehen, und unvergleichlich viel besser, wenn sie etwas tun, was
sie begeistert, etwas, an das sie glauben, etwas, wonach sie sich
sehnen. Das aus einem Drittel gemeinschaftsversorgender und zwei
Dritteln Selbstkultivierungsarbeit bestehende System der Neuen
Arbeit wird deshalb ökonomisch dem Lohnarbeitssystem, welches
es zu ersetzen begonnen hat, um Längen überlegen sein.
Es wird billiger, schneller, effizienter und mit weitaus weniger
Abfall produzieren als die Wirtschaft, die wir jetzt hinter uns
lassen. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere ist, wie diese
nächste Struktur, diese Struktur der Neuen Arbeit die Menschheit
transformieren wird.
Selbstkultivierungsarbeit wird die Menschen erheben wie eine Leiter:
Sie wird ihnen helfen, zu erkennen, was sie wirklich wollen, so
dass sie nicht mehr, verzweifelt um sich schlagend, in der “Armut
der Begierde” versinken. Dass sie ihre Wünsche kennen
und ihnen in ihrer Arbeit Ausdruck verleihen können, wird
wiederum ihre Spannkraft und Vitalität stärken; es wird
ihnen helfen, einfach nur die Stärke zu gewinnen, ohne die
das moderne Leben nicht bewältigt werden kann.
Die Chance, zwei Drittel der eigenen Arbeit gezielt in die eigene
Entwicklung zu investieren, wird deshalb möglich machen,
was weder Demokratie noch Erziehung noch Wohlstand geschafft haben:
Wir, das Volk – und damit sind auch die 85 Prozent gemeint,
die bisher die Galeeren rudern mussten – werden endlich
die Chance haben, zu voll entwickelten Menschen zu werden, heranzureifen
und nicht nur in Sonntagsreden, sondern in der Wirklichkeit wahrhaftig
frei zu werden!
Wie wir das machen wollen, fragen Sie sich?!
Auf den folgenden Seiten stellen wir Ihnen in grobsten Zügen unser Konzept vor, zudem die High-Tech-Gemeinschaftsproduktion und die Bedeutung der Frage nach dem, was wir wirklich, wirklich wollen. Denn: Eine andere Wirtschaft ist möglich...

